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Vorwort // Preamble

Das MP3–Album des Remixprojektes »Chemtrails« stellt wie das CD–Album eine Sammlung von Neuinterpretationen der 2000er EP »Which Chemicals Caused Jesus Christ?« von gran où lée dar. Während in allen Stücken des CD–Albums ausnahmslos Samples des Originals Verwendung fanden, unterlagen die Beiträge des MP3–Albums hingegen keinerlei Restriktionen. Neben Neuinterpretationen nahe am Konzept des Covers oder Stücken, in denen Fragmente des Originals in absolut neue Umgebungen gebettet wurden, sind auch Remixe nach strenger Vorgehensweise vertreten — Versionen, welche sich also ausschließlich aus dem Klangpool des Originals bedienen.

11 Stücke von insgesamt 9 Musikern und Klangkünstlern wurden für dieses Album zusammengestellt, veröffentlicht unter einer Creative–Commons–Lizenz.

Zu den Stücken

Das Album beginnt mit »Bells Beside Whatever (Study #1)«, einer Neuinterpretation, die auf externe Klangquellen verzichtet, mit einem Schwerpunkt auf der Vocalspur des Titelstückes des Originals. Die bearbeiteten Vocals scheinen von ihrem ursprünglichen Charakter nichts mehr behalten zu haben: sie gleichen tierischen Lauten und anorganischen, granularen Klängen.

Das Folgestück »Endstation Nullrille« widmet sich ebenfalls den Vocals, belässt sie jedoch klanglich unberührt und erwählt die ersten vier gesungenen Strophen, um sie durch ein klanglich und stilistisch komplett eigenständiges Instrumental zu ergänzen.

Es folgen mit »whichcrisiscausedjesustousechemicals« und »Tante Erika« zwei Stücke, in denen vollends auf das Sampling von der WCCJC? EP verzichtet wurde. Dirk HuelsTrunks Neuinterpretation basiert auf seiner Stimme, er greift durch akustische Paraphrase auf Lautebene und die Wiedergabe des Ursprungstextes improvisatorisch verschiedene Momente des Originals auf.

»Tante Erika« — Beitrag des Duos Appartment22 und zugleich Resultat der allerersten Zusammenarbeit von M. Knapp und A. Usenbenz — fühlt sich der Gesangslinie des Titelstücks im melodischen Sinne verpflichtet. Die Vocalspur wurde eigens eingesungen und um eine Vielzahl von Instrumenten ergänzt. Das Intro platziert den Hörer direkt vor den weihnachtlichen Gabentisch.

Andreas Usenbenz' »Grillen im Schnee« wiederum widmet sich bei komplettem Ausschluss externer Klangquellen dem atonalen Kosmos von WCCJC?. Ein synthetisches Zirpen durchstreift den gesamten Track, der sich scheinbar selbstregulativ immer wieder aufbäumt und beruhigt. Ein Vergleich mit »What About Christmas?« der WCCJC? EP bietet sich an.

Das Projekt fubsan versucht mit »Cialis« eine direkte Antwort auf »Which chemicals caused Jesus Christ?« zu geben — welche an offensichtlicher Absurdität der Frage in nichts nachsteht. Die dunkle Atmosphäre von »Cialis« bildet einen ausgeprägten Gegenpol zum Text.

»Chemicals« klingt nahezu wie ein Track, der sich an keinen Remixvorgaben mehr orientiert und lediglich fragmentarisch Gesang von WCCJC? importiert. Tatsächlich bedient er sich jedoch ausschließlich Sounds des Originals. Die Vocals wirken wie korrodierte, klangliche Fremdkörper gebettet in eine melancholische Grundstimmung.

»whichjesuschemicalscausedthissong« — Dirk HuelsTrunks zweiter Beitrag beschwört mit von Gitarre begleitetem Gesang eine Besinnlichkeit in der Schräglage. HuelsTrunk nimmt sich hier sozusagen mit besinnlicher Subversion in subversiver Besinnlichkeit dem Originaltext an.

In »Without Milk« werden die beiden melodisch verwandten Stücke »Deharmonized« und »Tomorrow the Gift is No More Surprise.« dicht miteinander verwoben und unauffällig von Synthesizerklängen ergänzt — das Resultat bewegt sich in den Gefilden experimenteller Rockmusik.

»MassacreCoreMix For Fallen Angels and Broken Heroes« konzentriert sich wieder auf das Titelstück, ersetzt das alte Vokabular weitgehend, um der Frage des Titels geduldig nachzuspüren, die Vorlage fragmentarisch erinnernd. Sein schlussendlicher Kollaps führt Technik wie Rezipienten an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit und ebnet den Weg für »Chemical«, welches »Bells Beside the Christmas Tree« bei vollständig strukturellem Erhalt des Originals und gleichzeitiger Orientierung an den Restriktionen für die CD–Produktion auf Klangebene zerstört. He Tears Consumes Reinterpretation verweigert sich vollständig einem genussvollen Rezipieren.

Texte der Künstler

Wie im Falle des CD–Albums wurden auch hier die Künstler um eine textliche Stellungnahme zu ihren jeweiligen Beiträgen gebeten. Vorgaben, Inhalt und Umfang betreffend, wurden nicht gemacht. Die Texte sind vollständig per Playlist auf dieser Website einsehbar.

Um ein Minimum einheitlicher Informationen über die Remixe gewährleisten zu können, wurden den Stellungnahmen jeweils Angaben über Entstehungsdatum, verwendete Klangquellen und den Umstand, ob Einzelspuren beim Remix verwandt wurden oder ob ausschließlich direkt von der EP gesampelt wurde, vorangestellt.

Die Stücke

01.gran où léeBells Beside Whatever (Study #1)02:21txtmp3
→ 

Entstanden: 12/2005.
Klangquellen: 01, 03.
Einzelspuren verwendet.

Abgesehen von dem Bassklang zwischen Sekunde 26 und 32 liegen alle Klänge von Study #1 Samples der Vocalspur zu Grunde.

In der »Bells Beside Whatever«–Reihe versuche ich den Faktor der Beliebigkeit innerhalb meiner Arbeiten auf unterschiedliche Weisen zu fassen und diesem zu begegnen.

Der Hauptteil der Klangmanipulationen dieses Stückes durchlief eine Genese im Rahmen diverser Liveaufführungen von BBTCT. Die aufgeführten Versionen basierten auf automatisierten Prozessen, deren Parameter von mir während der Performance improvisatorisch variiert wurden.
Mit späteren Zeitpunkten verlagerte sich dann der Schwerpunkt bei diesen Auftritten auf ein live–Arrangieren der Klangereignisse.
Plötzliche Ausblendungen und unkonventionelle Einsätze sollten das Moment des Unbeabsichtigten simulieren und dessen phänomenologischen Wert in der Performance ausspielen.

Für das vorliegende Stück wurden die Klangvariationen innerhalb ausschließlich automatisch variierter Parameterkonstellationen (mehrfach mit Zufallsgeneratoren verschalten) aufgezeichnet. Study #1 ist das Resultat eines Studioarrangements mehrerer derart gewonnener Aufnahmen.

So sind alle klanglichen Variationen innerhalb von Study #1 auf eine vorkalibrierte Prozesskette zurückzuführen, während ihre Positionierungen innerhalb des Stückes vollends meiner Kontrolle unterlagen. Dies führte u.a. dazu, dass sich zu Anfang des Stückes klangliche Phänomene häufen, welche an die ersten aufgeführten Versionen von BBTCT erinnern.

Trotz dieses verhältnismäßig einfachen settings erweist sich das Beliebige hier bereits als schwer zu fassen. Der unternommene Versuch hinterlässt in der Reflexion den Nachgeschmack des Naiven.

Ich werte diesen ersten Ansatz als geglückt.

02.Sylvester CologneEndstation Nullrille05:27txtmp3
03.Dirk HuelsTrunkwhichcrisiscausedjesustousechemicals03:36txtmp3
04.Appartment22Tante Erika03:09txtmp3
05.Andreas UsenbenzGrillen im Schnee03:48txtmp3
06.fubsanCialis02:54txtmp3
07.SonovoChemicals05:52txtmp3
08.Dirk HuelsTrunkwhichjesuschemicalscausedthissong01:32txtmp3
09.etzinWithout Milk05:19txtmp3
10.Lasse–Marc RiekMassacreCoreMix for Fallen Angels and Broken Heroes20:41txtmp3
11.He Tears ConsumeChemical03:35txtmp3

Creative-Commons-Lizenz

Erweiterungen

Dem Format angemessen wird dieses Internet–Angebot über das Datum der Erstveröffentlichung hinaus verschiedene Erweiterungen (d.h. Neuinterpretationen, Grafiken, Videoarbeiten, Texte) erfahren. Es empfiehlt sich die Registrierung im Chemtrails–Reminder, um diesbezüglich auf dem Laufenden gehalten werden zu können.